LAURA HYBNER

Verbrennungen

„Bist du bereit?“, fragst du.
Ich nicke und denke an all die Male, die wir gemeinsam hier waren, hier bei ihm, Stunde um Stunde mit dem Rücken an der Wand standen und keinen Ausweg fanden. Der erste Stein, den du wirfst, ein Buch, landet auf seinem Schreibtisch, stößt das Tintenfass um. Du lachst und greifst nach einem Stapel Papier, einem seiner unzähligen Manuskripte.
Ich ziehe die Streichholzschachtel aus der weiten Tasche meiner Hose. Mit zitternden Händen öffne ich sie. Drücke das Streichholz an die Reibefläche, zwei Versuche, bis eine Flamme aufleuchtet. Ich zünde das Papier an, das du mir entgegenhältst. Nur für einen Moment habe ich Zweifel. An mir. An uns, daran, ob das, was wir tun richtig ist. Für
einen Moment meine ich ihn in seinem ledernen Ohrensessel zu sehen, aber er ist schon lange tot. So lange, dass seine Manuskripte eine gelbliche Farbe angenommen haben und die Regale sanft in
Staub gehüllt sind. So lange haben wir gebraucht, um zu verstehen, dass es vorbei ist, dass wir keine Angst mehr haben müssen vor ihm und dem, was er tat. So lange haben wir gebraucht, um den Mut zu finden hierher zurückzukommen.

Du nimmst mir die Schachtel aus der Hand, gehst zu dem großen Regalgegenüber der Veranda, ziehst eines der Bücher heraus, eines seiner Bücher. Seine Bücher, die so schrecklich sind, dass niemand glauben kann, dass das, was er beschrieb, wahr ist, dass er uns wirklich so viel Schmerz zugefügt hat. Wir reißen die Bücher aus den Regalen heraus, du nimmst ein weiteres Streichholz, zündest es an. Nur ein Buch, doch die Flammen verschlingen es gierig und greifen nach dem nächsten.
Nur wenige Sekunden später brechen wir bereits aus der Villa aus, ich muss husten und du lachst wieder. Ich weiß nicht, ob wegen mir oder dem Feuer, dessen Rauch bereits durch die Tür quillt.

Seine Villa steht abseits der Stadt, hinter dem Hügel, aber noch vor dem Wald, versteckt vor den Augen des Dorfes, da wo niemand sehen konnte, was er mit uns machte. Der Rauch legt sich wie ein  Film auf unsere Haut und vielleicht fühlt es sich deshalb unwirklich an, endlich frei zu sein.
Vielleicht können wir uns eines Tages nicht mehr erinnern. Nur an das Holz. Und an das leise Knistern, als würden wir am Lagerfeuer sitzen. Bis der Kronleuchter zerspringt, tausend Scherben von den Flammen verschlungen werden. Das Feuer ist Anfang und Ende zugleich. Alles ist gut, solange es brennt und wir uns nicht mehr an ihm verbrennen.

Es ist Zeit für uns zu gehen, bevor der Brand entdeckt wird, bevor wir entdeckt werden. Wir laufen los und du greifst nach meiner Hand. Ich drücke sie. Über die Brücke in den Wald, bis unsere Lungen nicht mehr können. Bis wir das Rauschen des Baches hören, in dessen Windungen wir uns sicher fühlen und an dessen Ufer wir uns in den kühlen Schatten der Bäume legen. Du lässt die Schachtel mit den Streichhölzern in das Wasser fallen und wir sehen ihr beim Aufweichen zu.

Ich bin ein Fan von letzten Sätzen, vom Ende einer Geschichte, das ein befriedigendes, diffuses Gefühl hinterlässt. Ich bin ein Fan von Lauras letztem Satz: "Ich kann dir nur sagen, dass ich genau weiß, wann ich nicht mutig war."

Daniela